Alles neu, alles anders

      Alles neu, alles anders

      Was bedeutet es, nach dem Tod eines geliebten Menschen, ein neues Leben zu beginnen?Neu dürfte wohl selten das richtige Wort sein. Anders. Anders deswegen, weil ich keine andere Wahl habe. Meine Umwelt ist einerseits dieselbe geblieben, auch der Job und andere Verpflichtungen. Ich sehe immer noch wie früher aus, esse die selben Gerichte, liebe noch immer die Natur, Kultur u.v.m. Finanziell stehe ich genauso da wie vorher .Von freundlichem Wesen schaffe ich es sogar ab und zu wieder die Menschen anzulächeln und bekomme - wie auch schon früher - oft ein Lächeln zurück.
      Bestimmt werde ich auch wieder verreisen, obwohl das Unglück ausgerechnet im Urlaub passierte. Sicher werde ich auch wieder intensiv die Natur studieren, obwohl gerade die Entdeckungen zu zweit das Besondere war.Nein, wirklich neu ist nichts an meinem Leben. Außer die unendliche Leere, die sich in mir breit gemacht hat, eine gewisse Dunkelheit, ohne das Licht zu sehen. Nein, das ist so nicht ganz richtig: Ich sehe schon das Licht, aber ich kann es nicht genießen. Es wärmt mich nicht.
      Nach nunmehr 10 Monaten ist der permanente Schmerz verschwunden und kommt seltener . Und manchmal denke ich, dass ich mich bereits in eine Phase befinde, wo ich meinen Frieden mit dem Zustand machen kann. Wenn ich dann aber in mich hineinhöre, dann stelle ich fest, dass das wohl eher eine gewisse Lethargie ist. In diesen Phasen empfinde ich weder Freude noch ehrliches Interesse an irgendetwas. Und jetzt kommt das Seltsame: Wenn ich dann aus irgendeinem Grund plötzlich von einer Welle der Trauer und des Schmerzes überrollt werde, bin ich hinterher froh. Plötzlich empfinde ich wieder etwas, erst Trauer und Schmerz und dann Zuversicht in die Zukunft.
      Also mache ich weiter, in der Hoffnung, die Leere zu füllen und die Wärme des Lichts wieder zu spüren.
      LG Syli
      Liebe Syli,

      du beschreibst es wirklich gut! So fühlt es sich an. "Echte" Gefühle sind in der ersten Zeit ausschließlich die Trauergefühle. Alles andere wirkt aufgesetzt, uninteressant, gekünstelt.

      Für mich war es die Natur, die mich getröstet hat: der Wind, der Himmel, die Sonne, die Gräser, der Schnee, der Regen .... einfach alles in der Natur. Lange Spaziergänge mit dem Hund und viele viele vergossene Tränen während des Laufens.

      Gespräche mit anderen Trauernden kamen dann hinzu, dieses Forum hier, 2-3 Trauerbücher gelesen, aber das war alles nicht neu.

      Für mich ist es bis heute sehr wichtig, dass meine Trauer authentisch ist, dass ich nicht anfange, mir was vorzumachen. Ich möchte meinen Allerliebsten nicht "in den Himmel heben", sondern ihn einfach so in meinem Herzen behalten, wie er wirklich war: ein Mensch, mit allen seinen Schwächen, aber ein wundervoller Mensch.

      Ich verschließe mich auch nicht mehr gegen Andere (was am Anfang der Trauer so war), sondern schaue mich um und die bisherigen und auch die neueren Freundschaften tuen mir gut. Ja, ich bin offener geworden und das tut unendlich gut.

      AL Frieda


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      "Wir können der Tatsache nicht ausweichen,
      dass jede einzelne Handlung, die wir tun,
      ihre Auswirkung auf das Ganze hat."

      Albert Einstein
      Liebe Frieda,
      auch ich habe viele, viele lange Spaziergänge gemacht. Das hat mit mich aus der Wohnung und mich immer wieder aus der negativen Gedankenspirale geholt. In der Natur habe ich das Leben gespürt und wieder etwas Kraft für die nächsten Tage gefunden.
      Noch mehr Zeit habe ich im Internet zum Thema Trauer verbracht. Zum Lesen von Büchern konnte ich mich nicht durchringen, weil für mich klar war, dass meinen größten Wunsch niemand erfüllen kann. Schließlich bleibt uns nichts anderes übrig, als dass jeder seinen eigenen Weg findet, mit dem Unfassbaren umzugehen.
      Aber: Die größte Unterstützung war und ist für mich dieses Forum hier - mit all den lieben Menschen, die in ihrer unterschiedlichen Trauerphase immer wieder Trost, Verständnis, Kraft, manchmal Freude geben. Und ein Ventil für den ungeheuren Druck in meiner Brust. Wie oft habe ich geweint, wenn wieder jemand sein Leid in Worte fasste. Meine eigene Trauer mit anderen zu teilen, ist mit eine wertvolle Hilfe.
      Genauso hilfreich ist es für mich, wenn wir uns manchmal über Banalitäten austauschen, den Alltag beschreiben und uns freuen, wenn einer von uns von kleinen Erfolgen berichtet.
      Ich bin so dankbar, dass es dieses Forum gibt. Es gibt mir auch ein Gefühl der Geborgenheit, wenn sich ab und zu "alte Hasen" melden und den einen oder Rat aus einem gewissem Abstand heraus geben. Diese Gemeinschaft, das Nichtalleinsein hat mich davor bewahrt, nicht in ein tiefes schwarzes Loch zu fallen, sondern hilft mir, zu kämpfen und immer wieder neue Anregungen zu bekommen, dass Unfassbare zu verarbeiten.
      Vielen Dank und liebe Grüße
      Syli
    Liebeskummer Sorgen Forum