Du fehlst

      Hallo Emil,

      ich muß Dir etwas erzählen, was mir vorgestern passiert ist:

      Eine Frau, die ich aber kaum kenne, hat mich auf der Straße angesprochen und mit ihr Beileid
      ausgesprochen. Dann hat sie mir gesagt, sie wäre froh, wenn auch ihr Mann gestorben wäre.
      Ich war zuerst geschockt, dann hat sie aber erzählt, dass sich ihr Mann vor ein paar Monaten
      von ihr getrennt hat, weil er sie nicht mehr liebt. Sie liebt ihn aber immer noch so sehr von ganzem
      Herzen. Ich soll mich immer daran erinnern, dass wir in großer Liebe auseinandergehen mußten,
      und darum beneidet sie mich. Das hat mich zum Nachdenken gebracht.
      Ulla

      Taube schrieb:



      Eine Frau, die ich aber kaum kenne, hat mich auf der Straße angesprochen und mit ihr Beileid
      ausgesprochen. Dann hat sie mir gesagt, sie wäre froh, wenn auch ihr Mann gestorben wäre.
      Ich war zuerst geschockt, dann hat sie aber erzählt, dass sich ihr Mann vor ein paar Monaten
      von ihr getrennt hat, weil er sie nicht mehr liebt. Sie liebt ihn aber immer noch so sehr von ganzem
      Herzen. Ich soll mich immer daran erinnern, dass wir in großer Liebe auseinandergehen mußten,
      und darum beneidet sie mich. Das hat mich zum Nachdenken gebracht.


      Ja, so ist das. Da hier auf Erden nichts für die Ewigkeit ist, gibt es im Grunde nur drei Möglichkeiten: Entweder man wird von einem geliebten Menschen durch den Tod getrennt, man wird von ihm getrennt, weil die LIebe aufgehört hat, oder man hat im Leben gar niemanden wirklich geliebt und empfindet deshalb auch keinen Trennungs- und Verlustschmerz.

      Da kann man sich nun etwas heraussuchen - alles nicht schön!

      Nein, es gibt auch noch eine vierte Möglichkeit: Man hat das Glück, geliebt zu werden und als Erster gehen zu dürfen. Insofern kann man sagen, dass die Verstorbenen, die wir hier betrauern, trotz allem, was sie möglicherweise in Zeiten der Krankheit und des Sterbens erlitten haben, auch Glückskinder waren, die es alles in allem doch ganz gut getroffen haben. Und da wir sie so sehr geliebt haben, sollte es uns vielleicht ein Trost sein, dass dieses Glück ihnen vergönnt war. So sehe ich das zumindest.
      Ich finde, die Frau liegt falsch. Der Tod hätte ihr ja nur vorgegaukelt, dass sie in Liebe auseinander gegangen wären. Schlimm ist, wenn Liebe einseitig ist und man sich ungeliebt fühlt. Dann stimmte etwas grundsätzlich nicht, was ohne Frage für diese Frau schmerzlich ist.
      Zudem ist das Leben ein Geschenk, mit dem man nicht leichfertig (ob mit dem eigenen oder dem Anderer) umgehen sollte. Meine Frau hat bis zuletzt für ihres gekämpft und hätte es nicht verstanden, wenn ich es nicht wertschätzen würde, dass ich zwar in Trauer, aber gesund weiterleben darf.
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