Ich fühle nichts mehr

      Ich fühle nichts mehr

      Hallo zusammen,
      in der Nacht zum 1. Mai hat sich ein guter Freund das Leben genommen.
      Er hinterlässt seine Frau, ebenfalls eine enge Freundin, und 2 kleine Kinder, sowie viele fassungslose Freunde.
      In den ersten Tagen war ich traumatisierte, fassungslos, ich konnte das Ereignis nicht fassen.
      Aber diese ersten Tage waren auch zugeballert mit Hilfe und Unterstützung für seine Frau und die Kinder. Wir haben geweint, geredet, waren wütend und haben die Dinge erledigt, die gemacht werden mussten.
      Zwischenzeitlich ist er beerdigt, nach und nach kommt der Alltag zurück und ich merke das ich nichts mehr fühlen kann. Keine Trauer, kein Mitgefühl, kein gar nichts. Als wäre es mir egal. Das ist doch nicht normal? Ich schäme mich dafür. Es ist als wollte ich damit nichts mehr zu tun haben wollen, als ginge es mich nichts an. Ich bin doch nicht normal?! Mir kommt es vor als würde ich Herz und Hirn verschließen und ich gehe jetzt meinen Weg weiter als wäre nichts gewesen, als ginge mich das gar nichts an.
      Vor diesem Schlag hatte ich mit Depressionen und BurnOut zu kämpfen. Ich war gerade erst wieder auf einem guten Weg mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Ich möchte nicht wieder in diesen Teufelskreis zurück und vor allem will ich seiner Frau und den Kindern weiterhin zur Seite stehen und ihnen in ein neues Leben helfen. Aber ich verstehe mich nicht. Es ist als würde ich nur teilnahmslos daneben stehen, als wäre ich nur Beobachterin. Ich frage mich ob das irgendein Selbstschutz ist oder ob ich zwischenzeitlich gefühlskalt geworden bin.
      Kenndajemand hier und kann mir jemand erklären was mit mir los ist?
      Hallo liebe Schussel, ich weiß nicht genau was das ist. Kann aber auch sein das du es noch gar nicht realisiert hast.
      Oder das du böse bist dass er deine Freundin alleine gelassen hat.
      Mein Mann ist plötzlich gestorben. Von einer Sekunde auf die andere auch unfassbar. Es sind jetzt 13 1/ 2 Wochen und realisiert habe ich es auch nicht.
      Liebe Schussel,
      das ist ganz bestimmt ein Selbstschutz.
      Wenn du schon an Depressionen zu leiden hast.
      Da wird sich der Körper schon zu schützen wissen.
      Aber ich denke das wird noch kommen mit aller Wucht und Trauer.
      Aber es kommt sicher etwas später.
      Ich kannte das vor dem Tod meines Mannes auch. Als meine beste Freundin
      vor ein paar Jahren gestorben ist .
      Ich habe alles mit organisiert was so zu tun war , Auto verkauft Versicherungen
      und Geld rangeschafft, damit die Beerdigung bezahlt werden konnte.
      Dann habe ich mich einfach wieder dem Tagesgeschäft gewidmet.
      Weinen konnte ich nicht mehr.
      Es war eben doch eine andere Familie wie meine Eigene.
      Jetzt als mein Mann gestorben ist, ist das alles ganz anders.
      Es bricht ein Teil von dir selbst weg und du bist ganz alleine, in der Wohnung und
      mit Allem. Das ist eben einfach anders. Ich kann das gar nicht beschreiben.
      Es ist eben anders...
      Der Tod ist bei dir selbst angekommen, direkt bei dir .
      Das ist wie ein Blitzeinschlag, den man sich nie vorstellen konnte.
      Es sind ja immer die anderen die es trifft.....
      Liebe Schussel.
      Auch ich hatte vor 6 Jahren einen BurnOut. Hatte dann mit Hilfe meiner Frau mein Leben umgestellt und bin wieder auf einem guten Weg gewesen. Vor 2 Jahren wurde bei meiner Frau Hautkrebs festgestellt. Es folgten Operationen ... Kampf ... Hoffnung ... am 20.12. dann eine schwere Blutvergiftung und am 04.03. Ist sie in meinen Armen eingeschlafen. Ich habe sie 24 Stunden täglich 2 1/2 Monate begleitet.
      Vor 15 Jahren habe ich meine Mutter verloren. Krebs. Ich war traurig ... ja. Aber nach 3 Wochen war alles wieder Alltag. Vor 2 Jahren habe ich meine mittlere Schwester verloren. Krebs. Nach 14 Tagen war alles erloschen ... es ging weiter. Ich lebte mein Leben. Unser gemeinsamer Sohn ist 26. Er hat sehr an seiner Mutter gehangen und war auch ganz dicht dran auf ihrem Weg. Nach 2 Monaten hatte er sich wieder gefangen. Und ich? Ich bin total fertig ... nach fast 11 Wochen leide ich unter einer sog. Trauerdepression. Ich fühle nichts. Keine Freude, keine Begeisterung. Ich bin für alles zu haben aber zu nichts zu gebrauchen. Wie taub.
      Warum erzähle ich das? Du bist ganz normal. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man einen geliebten Bekannten, Freund, Schwester oder Mutter verloren hat, oder seine(n) Lebenspartner(in) oder (im schlimmsten Fall) sein eigenes Kind.
      Das hat auch Petel bestätigt. Und so erging es mir und so ergeht es auch meinen Sohn. Die beste Freundin meiner Frau (sie kannten sich fast 50 Jahre) und waren ganz eng. Auch sie ist zwar traurig, aber hat sich schon nach 4 Wochen wieder gefangen. Sie kann mir heute helfen, weil sie "neutral" ist. Auch mein Sohn steht mir an den Wochenenden bei. Er kann es, weil er sich schon wieder gefangen hat. Beide sind mir eine grosse Hilfe. Es würde mir nichts bringen, wenn wir alle 3 heulend in der Ecke hocken würden. Ich kann mich an den 2 aufrichten. Kann ihnen von meiner Trauer und den schlechten Tagen erzählen. Sie sind stark, stärker als ich. Und genau so einen Menschen brauchen wir Trauernden in unserer Situation.
      Es ist gut und vollkommen normal, dass Du nicht so verloren in der Trauer bist. Auch trauert jeder anders, für sich. Da gibt es keinen Masstab oder Regelwerk, wie und wielange man zu trauern hat. Es ist gut, dass Du schon etwas Abstand bekommen hast. Nur so behälst Du den Überblick und kannst Deiner Freundin in ihrer wirklich harten Zeit beistehen und sie aufrichten. Ihr habt doch gemeinsam geweint. Das heisst: Du hast doch getrauert, bzw. trauerst noch ... nur anders. Du brauchst keine Schuldgefühle haben. Ganz im Gegenteil: Nur weil Du so stark bist, kannst Du Deiner Freundin und ihren Kindern eine Hilfe sein.
      Aber auch Du wirst noch Kraft brauchen. Trauerbegleitung ist sehr anstrengend. Die Trauernden sind wie gelähmt. Jeder Tag ist schwer und man sucht nach einem Grund wieder auf zu stehen. Der kleinste Auslöser und das Weinen geht wieder los. Und das über Monate. Stimmungsschwankungen, Ruhelosigkeit, Schlafstörungen und Depressionen die einem Aussenstehenden nicht zu erklären sind. Da braucht es einen Menschen der stark und "neutral" ist. Und wenn die Trauer Dich überfällt ... das ist auch ok.
      Gut ist es, dass Du nicht wieder "abrutschen" willst. Das ist ganz wichtig, damit Du stark bleiben kannst.
      Meine Worte basieren auf eigener Erfahrung.
      Ich wünsche Dir viel Kraft. Geh Deinen Weg so weiter und sei für die Familie da. Sie haben noch einen langen, schweren Weg vor sich.
      Lg Frank

      Franky schrieb:


      Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man einen geliebten Bekannten, Freund, Schwester oder Mutter verloren hat, oder seine(n) Lebenspartner(in) oder (im schlimmsten Fall) sein eigenes Kind.


      Franky, ich denke so pauschal kann man das nicht sagen - ein Kind zu verlieren ist sicher das Schlimmste, da gebe ich dir recht. Aber ansonsten dürfte es immer darauf ankommen, wer die wichtigste Bezugsperson ist - das kann eben durchaus auch mal Freund, Schwester oder Mutter sein, sofern Lebenspartner(in) im üblichen Sinne nicht vorhanden (oder keine allzu enge Beziehung zu selbigem/selbiger besteht, was ja durchaus auch öfter vorkommt, denn nicht alle Ehen sind ja unbedingt auch die tiefen Seelenverwandtschaften ...)

      Marion68 schrieb:

      Aber ansonsten dürfte es immer darauf ankommen, wer die wichtigste Bezugsperson ist - das kann eben durchaus auch mal Freund, Schwester oder Mutter sein, sofern Lebenspartner(in) im üblichen Sinne nicht vorhanden


      Ich denke, dass es von mir vielleicht etwas ungeschickt ausgedrückt wurde: Selbstverständlich führt der Verlust oben genannter Personen zu einer extremen Trauer. Das kann man hier ja auch von Betroffenen nachlesen. Auch mein Sohn hat extrem an seiner Mutter gehangen und sie war für ihn seine Bezugsperson. Er hat auch sehr getrauert. Und doch hat er sich schon wieder gefangen. Und ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es eine Seelenverwandtschaft mit dem Partner braucht. Wenn der Partner geht, hauts einen um. Den Einen mehr, den Anderen weniger. Und Gleiches gilt auch für o. g. Personen, wie schon erwähnt. Und .... um auch das klar zu stellen: Einen geliebten Menschen zu verlieren .... egal wer es ist und wie man zu Lebzeiten miteinander auskam, ist immer hart. Dafür gibts hier im Forum genug Beispiele.
      Bezogen aber auf die spezielle Frage von Schussel konnte ich einen Vergleich von mir bekannten Personen einschliesslich mir selbst ziehen und nur und ausschliesslich auf sie bezogen habe ich in diesem Zusammenhang die Unterschiede gebracht. Es liegt mir absolut fern das als allgemeingültig dar zu stellen.
      Ich hoffe, ich konnte meine offensichtlich etwas ungeschickte Ausdrucksweise richtigstellen. Das ist mir sehr wichtig.
      Lg Franky
      Erst einmal lieben Dank für eure Antworten.
      vielleicht ist es auch die Wut darüber das er es gemacht hat. Ich kannte ihn jetzt
      20 Jahre, seine Frau kenne ich ein paar Jahre mehr. Er hat immer gesagt er würde so etwas nicht machen, nur schon wegen der Kind. Und ich habe ihm geglaubt. Er hatte schon einige Jahre beruflich Probleme und dann schlich sich die Depression an. Erst vor ein paar Wochen habe ich das Gespräch mit ihm gesucht um herauszufinden wie es ihm geht. Unter 4 Augen. Er machte einen guten Eindruck auf mich.
      Inzwischen sind einige Dinge an Tageslicht gekommen die mir die Sprache verschlagen. Er hat in so vielen Dingen gelogen und sehr viel Geld in den Sand gesetzt. Aber alles nichts was man hätte nicht aus der Welt schaffen können, alles kein Grund so etwas zu machen, sein Leben so zu beenden .
      Ich habe mich schon gefragt ob ich inzwischen mehr Wut auf ihn habe und ihn deshalb anfange ihn zu ignorieren. Und dann gibt es wirklich Momente in denen ich es immer noch nicht glauben kann. Und dann werde ich wieder so wütend auf ihn. Er hätte bald Geburtstag und diesen Tag ohne ihn geht doch gar nicht. Wieder Wut. Ich möchte meinen Frieden mit ihm machen und diese Wut los werden. Wenn ich auf jemanden wahnsinnig wütend bin dann bekommt dieser Mensch nur ganz schwer eine 2.Chance bei mir, denn es braucht sehr viel bis ich richtig oben raus gehe. Er braucht keine 2.Chance mehr. Und er hat keinen Abschiedsbrief hinterlassen, wir werden es nie wissen was für ihn das Faß zum überlaufen brachte. Wir können nur mutmaßen.

      Franky schrieb:

      Marion68 schrieb:



      Wenn der Partner geht, hauts einen um. Den Einen mehr, den Anderen weniger.


      Nun ja, ich habe auch schon von Leuten gehört, die dann erst so richtig aufgeblüht sind, weil die Ehe/Partnerschaft sowieso nur noch nervtötende Zweckgemeinschaft war und der Tod des Partners ihnen quasi die Scheidung erspart hat ...

      O.k., das gehört im Prinzip nicht wirklich hierher, weil eben diese Leute wohl kaum hier im Trauerforum zugange sein werden, wollte diesen Aspekt nur der Vollständigkeit halber noch zu bedenken geben.

      Es gibt im Zusammenhang mit Tod und Trauer eben wirklich alle möglichen Varianten.
      Liebe Schussel,
      Wut ist auch eine Art von Trauer. Das ist normal.
      Ich kann das verstehen, wenn man dann erst einmal richtig Zornig ist.
      Sich aus dem Leben einfach so zu stehlen, ohne das man es versteht...
      Ich kanns verstehen!!!
      Ein liebes Willkommen hier bei uns liebe Schussel.

      Ich denke auch eher, dass dein Verhalten normal ist, deiner Situation, der Situation im Allgemeinem entsprechend einfach.
      Der Tod löst aus, bei dir in erster Linie erst einmal Wut.
      Ich denke auch Wut ist doch eine Art Traurigkeit, jedenfalls ein Gefühl.

      Trauer in der die Gefühlswelt auch Wege geht, die man in keiner Tabelle finden kann, jeder seinen eigenen Weg hat.

      So wünsche ich dir erst mal weiter die Stärke, die für dich und auch für die Familie deiner Freundin.

      Mit einer lieben Umärmelung,
      Funny.
      Ich bin anders als vermutet, selten wie erwartet und erst recht nicht wie es andere gerne hätten.


      Licht und Liebe, sind stärker als Tod und Schatten



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