Ich trauere um meine liebe Mama

      Ich trauere um meine liebe Mama

      Hallo,

      ich bin Dirk und nutze diese Plattform hier, um meine Gedanken nieder zu schreiben – einfach, weil ich das Bedürfnis dazu habe.
      Ich hatte das Glück, meine Mama beim Sterben begleiten zu dürfen und bin dafür sehr dankbar. Ich habe noch nie in meinem Leben solche Schmerzen gespürt. Meine Mama war genau wie ich nicht religiös. Ich glaube nicht an Gott, eine höhere Macht, nicht an eine Seele und auch nicht an Engel oder ein Leben nach dem Sterben. Deshalb bitte ich von Floskeln wie „andere Seite“, „wo sie jetzt ist“ oder „sie ist jetzt ein Engel“ abzusehen. Bitte, bitte versteht mich nicht falsch, aber so denke ich nicht und auch meine Mama hat so nicht gedacht.

      Heute sind es genau 3 Wochen. Am 08.09.19 habe ich meine liebe Mama verloren. Am Geburtstag meiner Jüngsten, die ihren 8. Geburtstag feierte. Der Geburtstag meiner Kleinen ist also nun auch für immer der Todestag meiner Mama. Freude und Leid liegen eben oft nah bei einander.

      Meine Mama durfte nur 67 Jahre Jung werden – genau wie ihre Mama. Ihr Körper – zu kaputt von schweren Krankheiten, die Jahrzehnte in ihr wüteten – hat es ihr am Ende nicht mehr ermöglicht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. In den letzten Jahren hat mein Vater sie gepflegt – vollumfänglich mit allem was dazu gehört. Dafür werde ich ihm mein Leben lang dankbar sein. Das vergesse ich dir nie, Papa.

      Seit der Geburt von mir und meinem Bruder, litt sie unter Diabetes. Hinzu kam ihr lebenslanges Übergewicht. Das Essen war eine Reaktion auf ihre schwere Gewaltvolle Kindheit. Dieses Verhalten konnte sie trotz vieler Hilfe nicht ablegen. Vor etwa 10 Jahren kam die Lungenerkrankung COPD und eine Herzschwäche hinzu. Seit langem lagerte sie immer wieder Wasser ein. Vor drei Jahren dann eine schwere Lungenentzündung. Hier dachten wir schon, das wird sie vielleicht nicht überleben. Und doch hat sich ihr Körper ans Leben geklammert.

      In den letzten Wochen ihres Lebens hat Sie stark abgebaut. Seit ein paar Monaten hatte sie bereits ein Sauerstoffgerät. Nun brauchte sie es schon 24h am Tag – rund um die Uhr. Uns allen war bewusst, dass wir uns vielleicht bald von ihr verabschieden müssen. Aber wenn es dann passiert, ist es immer zu früh. Man ist nie wirklich darauf vorbereitet, schätze ich.

      In der Nacht vom 03.09. zum 04.09. wollte sie nachts zur Toilette. Auf dem Weg dorthin verliert sie den Sauerstoffschlauch. Nun bleibt ihr nur zurück zum Bett und das Sauerstoffgerät anlegen – doch dann schafft sie es nicht mehr zur Toilette. Oder sie geht weiter und schafft den Weg dorthin vielleicht nicht. Sie entscheidet sich für Letzteres. An der Toilette angekommen bemerkt sie noch wie ihr die Kräfte schwinden und ruft meinen Vater. Dann bricht sie bewusstlos zusammen. Mein Vater findet sie, ruft den Notarzt und beatmet sie bis dieser eintrifft. Sie wird ins Krankenhaus eingeliefert und sofort auf die Intensivstation verlegt.

      Am Donnerstag (04.09.) werde ich von meinem Vater benachrichtigt. „Nicht so schlimm“ sagt er und ist sich des Ernstes der Lage nicht bewusst. Er verdrängt. Will es nicht wahrhaben. Wie so oft schon. Denn er liebt sie und will sie nicht loslassen.Am Abend desselben Tages ruft er wieder an mit neuen Informationen aus dem Krankenhaus. „Sieht nicht gut aus“, „Sie wird das Krankenhaus vielleicht nicht wieder verlassen.“ – Das sitzt! Mir zerreißt es das Herz. Allein die Vorstellung – jetzt könnte es soweit sein – wirkt so unwirklich. Sterben? Meine Mutter? Jetzt? Nein. Das kann nicht sein, das wird schon irgendwie wieder.

      Am Freitag fuhr ich nach der Arbeit gemeinsam mit meinen Geschwistern und meinem Vater zu ihr ins Krankenhaus. Immer nur 2 Personen gleichzeitig dürfen zu ihr. Was für ein Scheiß! Denke ich. Ich betrete das Zimmer. Ich sehe sie. Ich bin geschockt. Das hätte ich nicht erwartet. Darauf bereitet dich niemand vor. Die eigene Mutter so zu sehen ist das schlimmste was man sich vorstellen kann. Eigentlich sah sie für mich schon tot aus, aber der Brustkorb hebt und senkt sich. Die Geräte zeigen einen deutlichen Herzschlag, gute Sauerstoffversorgung und Blutdruck. Sie aber ist leichenblass, in einem Dämmerzustand, nur kurze Wachphasen, lange Schlafphasen undeutliche Laute und Gebrabbel – heute weiß ich - ganz klar, sie lag im Sterben. Doch zu diesem Zeitpunkt wusste ich das nicht im Detail. Als ich das Zimmer verlasse breche ich innerlich zusammen, weine und kann es nicht glauben – ich werde meine Mama verlieren.

      Am Samstag konnte ich nicht zu ihr. Ich wohne zu weit weg und muss den Kindergeburtstag meiner Kleinen vorbereiten. Ich denke die ganze Zeit „Bitte lass sie nicht am Sonntag sterben. Das hätte sie nie gewollt.“ Meine Geschwister und mein Vater waren bei ihr. Es ging ihr Samstag deutlich besser. War oft wach, konnte lachen und antworten. Es schien besser zu werden. Heute weiß ich – ein ganz normaler Vorgang im Sterbeprozess. Meine Geschwister sagen ihr, dass ich mit meiner Freundin am Montag zu ihr komme. Sie wusste also, ich komme nochmal zu ihr.

      Es ist Sonntagvormittag, meine Tochter packt ihre Geschenke aus, ein schöner Vormittag. Um 10 Uhr kommen ihre Gäste. Sie wünscht sich eine Schatzsuche – es ist alles vorbereitet.Es ist etwa 08:30 Uhr. Mein Telefon klingelt. Meine Schwester. Eine Nachricht: „Ich weiß, es ist ein ganz beschissener Zeitpunkt, aber die Nieren bei Mama haben versagt. Wir sollen alle ins Krankenhaus kommen.“

      Es ist so weit. Ich kann meine Gedanken nicht ordnen. Was zuerst? Ich muss zu meiner Mama. Meine kleine Maus muss ihren Geburtstag heute ohne ihren Papa feiern.Eine Stunde fahrt liegen vor mir. Während der Fahrt die ganze Zeit nur ein Gedanke: „Bitte lass mich nicht zu spät kommen“.

      11 Uhr, ich bin im Krankenhaus, alle sind schon da, ich bin der Letzte und zum Glück nicht zu spät, noch lebt sie. Kaum noch aber sie lebt. Sie bekommt Morphium und schläft. Ich schaue auf die Geräte. Der Herzschlag ist unregelmäßig und kaum noch zu erkennen. Auch die Atmung macht immer wieder lange Pausen. Wieder breche ich innerlich zusammen und weine einfach nur, kann mich kaum beruhigen. Es tut so weh meine Mama so zu sehen und zu wissen, dass sie uns jetzt für immer verlässt. Ich gebe ihr einen Kuss. Ich streichle Sie die ganze Zeit am Arm, im Gesicht denn ich weiß, dass wird schon bald nie mehr möglich sein. Ich kann sie nie wieder umarmen, ihr sagen wie sehr ich sie liebe, wie dankbar ich ihr für alles bin, wie wahnsinnig sie mir fehlt und vor allem wie leid mir das alles tut. Wie leid es mir tut, dass Sie diesen Körper hatte, der ihr soviel Leid zugefügt hat. Sie hätte es verdient gesund alt zu werden, so wie das jeder verdient hat.

      Knapp zwei Stunden dauerte ihr Sterben noch. Es ist kurz vor 13 Uhr. Die Geräte schlagen Alarm. Das Herz hat aufgehört zu schlagen, ein paar wenige flache Atemzüge, dann versagt auch die Atmung. Jetzt ist sie tot. Alle weinen, schluchzen. Die Welt steht still – für uns, diese unglaubliche Stille. Ich vergesse alles um mich herum. Das Gefühl kann man nicht wirklich beschreiben. Der Arzt und die Schwestern haben den Raum bereits betreten, bekunden ihr Beileid. Wir alle küssen meine Mama noch einmal und verlassen nach wenigen Minuten den Raum. Zu früh denke ich hinterher. Wozu die Eile? Die Anwesenheit der Schwestern und des Arztes haben in uns ein Gefühl ausgelöst, wir sollten dann jetzt gehen. Heute bereue ich das. Es tut weh, so als hätte man sie allein zurückgelassen.

      Meine Mama wurde nun bereits eingeäschert und im Oktober ist dann die Beisetzung. Das wird nochmal ein harter Tag für alle.

      Das ist doch mehr Text als ich vor hatte zu schreiben.

      Ich wünsche allen Hinterbliebenen viel Kraft und alles Gute.

      VG Dirk
      Lieber Dirk, wie gut ich dich verstehe, viel zu gut auch wenn natürlich nie bis ins Detail.
      Vieles ähnelt sich, einiges ruft eigene Erinnerungen wach, lassen zurück denken an bestimmte Situationen und Gefühle.

      Ich freue mich, dass su diese Plattform nutzt um alles aufzuschreiben, mehr Worte sogar als du selbst erst wohl gedacht hattest.
      Jedes Geschriebene Wort aber ist wichtig, so war es für mich jedenfalls.
      Jedes gesprochene Wort, das manches mal etwas erst wirklich wahr zu machen schien, ausprach was ich wirklich fühlte.

      Nein wenn es eben geht, dann verzichte ich auf Worte, die dir nichts geben, das es aber keine Floskeln wären solltest du wissen.
      Ja ich bin gläubig, auf meine Art, ja ich habe einiges in mir, dass es so in dir nicht geben wird, für mich aber hat es einen Wert.
      Beides darf aber und sollte auch beachtet werden.
      Nur so können Menschen hier miteinader sein - egal wie viele UNterschiede es auch geben wird, es war ein Verlust der uns hier her führte, dieser unauslöschbare Schmerz den man so nicht kannte, ihn keiner kenne lernen sollte.

      So aber war es immer, wird es auch immer sein, es wird sie geben die Wissenden, die wissen wovon man spricht wenn es um wahre Trauer geht.
      Und dann geht man, weil die Ärzte einem das Gefühl geben, als ob man ein Kind wäre, sich einfach beiseite, dabei war es die eigene Mutter die man dort gefühlt allein lässt.
      Ich hatte da wohl mehr Glück, ja ich musste auch ich wurde gebeten zu geben, man mussste doch erst dass so wichtige formelle und die Apparate, alles notieren und festhalten.
      ich bekam die Zusage, danach habe ich alle Zeit die ich bräuchte.

      Ja und dann wurde der Verstorbene so gut wie es eben ging zurechtgemacht, damit es leichter würde.
      Wurde es denn leichter, mit Kerze am Bett, gefalteten Handen und einer Rose auf der Bettdecke - ja sie war gäubig.
      Wurde es leichter, bei meinem besten Freund, ohne Kerze, ohne die Hände gefaltet, er war ja nicht gläubig.

      Es wurde leichter durch das Wissen, das Wissen, ihr Leiden war beendet, die gelösten Gesichtszüge waren mir ein wenig Trost.

      Alle Zeit die ich gabraucht hätte, nein ich bin dann auch irgendwann, bei mienr Mama eher, bei meinem besten Freudn später, denn es hätte keine Zeit gerreicht, es braucht auch eingies mehr als nur Zeit um das was man Trauer nennt zu bewältigen.

      Für die Beisetzung wünsche ich dir besonders viel Kraft, wünsche ich dir alles, was es braucht für dich und deine Familie.

      Mit einer lieben Umärmelung,
      Funny.
      Ich bin anders als vermutet, selten wie erwartet und erst recht nicht wie es andere gerne hätten.


      Licht und Liebe, sind stärker als Tod und Schatten



      Hallo Funny,

      ich danke Dir für deine ehrlichen, offenen Worte.
      Für Dich und deine Lieben auch alles Gute und viel Kraft.

      VG
      Dirk

      PS:
      Ich respektiere natürlich Menschen unabhängig von ihrer Weltanschauung.
      Es war nicht meine Absicht, mit dem Begriff "Floskeln" etwas Negatives auszudrücken oder die religiöse Überzeugung von jemanden abzuwerten.
      Ach lieber Dirk, ich gehe nicht davon aus, dass du etwas negativ ausdrücken wolltest.
      Ich wollte dich wissen lassen, das nicht alles als Floskeln gemünzt werden kann, darf, es kommt wohl immer darauf an, wer es wann und wie nutzt.
      Ich bin anders als vermutet, selten wie erwartet und erst recht nicht wie es andere gerne hätten.


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