Meinen geliebten Papa

  • Genau in dieser Woche waren wir letztes Jahr alle zusammen im Urlaub in Sizilien, meine kleine Tochter, mein Mann und meine Eltern. Wir hatten so viel Spaß, meine Kleine hat den ganzen Tag mit ihrem "Quatsch-Opa" gespielt. Er hatte schon ein paar Wochen zuvor immer mal ein Kribbeln in Füßen und Händen, war sogar beim Arzt, da hieß es, sicher ein eingeklemmter Nerv, da er schon immer Probleme mit dem Rücken hatte, Bandscheibenvorfall usw. Also machte sich niemand wirklich Gedanken darum. Ende September waren sie dann noch bei uns zum 4. Geburtstag meiner Tochter zu Besuch und alles war so schön wie immer. Eine Woche später, rief meine Mama an, während ich gerade die Torte für die Kindergeburtstagsparty vorbereitete, Papa ist im Krankenhaus, er ist heute Morgen auf der Treppe zusammengebrochen, weil er sein Bein nicht mehr gespürt hat. Ein Kopf MRT zeigte, da ist etwas, vielleicht nur eine Zyste, es müssen noch weitere Untersuchungen gemacht werden, ein Tag später rief ich ihn an, ich höre ihn noch sagen: Tja mein Schatz, der schlechteste Fall, Lungenkrebs mit Metastasen in Kopf und Leber. Ich musste in meinem bisherigen Leben noch nie irgendeinen Schicksalsschlag verkraften und ich hatte immer Angst davor, dass es mich irgendwann trifft, es konnte ja nicht immer alles so schön weitergehen. Alles wurde still, ich hab lautlos meine Sachen im Büro zusammengepackt und bin einfach gefahren, als mein Mann mich zu Hause in den Arm genommen hat, bin ich zusammen gebrochen, das erste Mal. Man machte uns Hoffnung, mit Bestrahlung könne man die Hirnmetastasen in den Griff bekommen, danach dann Chemo und Immuntherapie. Und es lief auch wirklich gut, im Dezember musste er wegen einer Schleimbeutelentzündung ins Krankenhaus, da wurde er gleich auch wegen der Tumore noch mal untersucht, alle kleiner geworden, großes Aufatmen. Es ging gut weiter, im Mai erste große Zwischendiagnose, keine Metastasen im Kopf, alle anderen Tumoren viel kleiner. Die geplante letzte Chemo wurde gestrichen, nur noch Immuntherapie wegen des guten Ansprechens. Dann folgten 3 schöne Sommermonate. Er kam wieder zu Kräften, hat sogar wieder mit meiner Tochter richtige Quatsch Rollenspiele gespielt, wir waren voller Hoffnung, dass wir vielleicht doch zu den Glückspilzen gehören, die in der Statistik immer unter den 2% zusammengefasst sind. Er war die ganze Zeit über immer positiv gewesen, hat Pläne gemacht, welches Motorrad er sich kaufen möchte. Dann kam Mitte August mein Opa mütterlicherseits ins Krankenhaus, er konnte schon länger nicht mehr gut laufen, bis auch er zusammenbrach. Er lag zwei Wochen im Krankenhaus und da es meinem Papa ja wieder ganz gut ging, kümmerte er sich um vieles, fuhr meine Oma jeden Tag zu ihm, trotzdem nahm es ihn sehr mit. Denn meinem Opa wurde auch Krebs diagnostiziert, das halbe Becken sei zerfressen, 20x20cm, man könne nichts mehr tun. Er starb im Krankenhaus nach multiplem Organversagen, wir waren alle die ganze Nacht bei ihm. Das schlimmste, was ich bis dahin erlebt hatte. Trotzdem konnte ich mit diesem Verlust ganz gut umgehen, ich hab meinen Opa auch schrecklich lieb gehabt, aber er war alt und hatte ein gutes Leben, er durfte sogar noch seine Urenkel kennenlernen. Ab diesem Zeitpunkt ging es meinem Papa plötzlich wieder schlechter. Er sollte nach langer Zeit endlich das Cortison ausschleichen, die Symptome wurden auf den "Entzug" geschoben, bis es bei der regelmäßigen Blutkontrolle hieß, schlechte Leberwerte, er soll ins Krankenhaus. Ich war gerade noch einmal mit meiner Familie im Urlaub, den wir schon länger geplant hatten, als ich die Nachricht bekam. Man untersuchte ihn, neue Metastasen im Kopf und in der Leber hörte ich bei lauter Musik am Hotelpool am Telefon. Auch jetzt war mein Vater optimistisch "mach dir jetzt nicht so große Sorgen und genieß ruhig deinen Urlaub, dann muss ich eben noch mal Chemo machen, das wird schon meine Kleine" hat er gesagt. Er wollte nicht, dass ich wegen ihm früher nach Hause komme, ich wünschte ich hätte es trotzdem getan. Er bekam direkt die erste Infusion als ich noch im Urlaub war und durfte zwei Tage später nach Hause. Es hat ihn diesmal sehr mitgenommen, er hat nur geschlafen, kaum gegessen, aber er sagte, das ist die Chemo, das wird schon wieder besser. Wir kannten es ja schon und dachten das auch. Meine Mama sagte zu mir, "kommt ruhig erst mal wieder zu Hause an, Papa braucht eh Ruhe, es reicht doch wenn du am Freitag kommst". Also plante ich es so sein, wie sie es wollten, dann rief sie mich in der Nacht von Donnerstag auf Freitag an, Papa kann nicht mehr laufen, er ist nicht mehr ins Bett gekommen, sie hat den Notarzt gerufen, also packte ich meine Sachen und machte mich mitten in der Nacht auf den Weg, die 3,5 Stunden zu meinen Eltern. Morgens um 9 kam ich an, sie meinte, sie habe im Krankenhaus angerufen, er sei soweit stabil. Wir fuhren direkt hin und alles war direkt komisch, an seinem Zimmer hing ein Schild, "Umkehr Iso", wir sollten Mundschutz und Handschuhe tragen, er habe kaum noch weiße Blutkörperchen, habe aber ein Medikament bekommen, das braucht 2 Tage, dann sollte er wieder fit sein, hieß es. Wir sollen ihn ruhig wecken, zum Frühstück hätte er sich normal mit der Schwester unterhalten. Also gingen wir rein, er war in einem komischen Halbwach Zustand, man merkte er nahm Geräusche wahr, schaffte es aber nicht, zu sich zu kommen, ich rief die Schwester, auch sie konnte ihn nicht wecken, sie versicherte uns, das sie das nicht für beunruhigend hält, er ist eben gerade extrem erschöpft und hat keine Kraft, auf meine fortwährenden Fragen, ob es ihm denn aber gut ginge, weil er so schwer atme und die Hände immer hoch unter runter machte, die Augen so verdrehe und insgesamt sehr aufgeregt wirkte, sagten alle, alles gut, das sei normal, wir sollen keine Angst haben, das würde sich nur auf ihn übertragen. Also setzten wir uns einfach zu ihm und streichelten seinen Kopf. Ich fragte ihn, ob ich ihm was erzählen soll, da kam er kurz zu sich und sagte deutlich "Ja". Ich wollte etwas Unverfängliches sagen, nichts zur Krankheit und weil man uns ja versicherte, er bräuchte nur ein wenig Zeit, um sich wieder aufzurappeln, wollte ich auch keine beunruhigenden sentimentalen Worte an ihn richten, die ihm womöglich Angst gemacht hätten. Also habe ich einfach von unserer Rückreise aus dem Urlaub erzählt, bei der auch einiges schief lief. Danach wollte er uns etwas sagen, aber er konnte nur nuscheln, wir haben es nicht verstanden, ich dachte ich hätte das Wort "alleine" gehört und habe ihn gefragt, "Sollen wir dich ein wenig in Ruhe lassen, willst du alleine sein?" Er sagte wieder deutlich "Ja". Wir wollten das natürlich akzeptieren, damit er sich ausruhen kann und fuhren heim. Wir waren kaum zu Hause, da rief die Ärztin an, wir sollen zurückkommen, sein Zustand hat sich akut verschlechtert. Wir fuhren so schnell wir konnten, aber das Krankenhaus war eine halbe Stunde entfernt, als wir ankamen, nahmen uns eine Ärztin und eine Schwester mit mitleidiger Mine in Empfang, wir waren zu spät. Man erzählte uns, es muss etwas akutes dazugekommen sein, da es so schnell ging, eine Embolie oder ein Infarkt, wieder brach ich zusammen. Der beste Mensch, den ich kannte, der wichtigste und mir liebste Mensch in meinem Leben (natürlich neben meiner Tochter) war einfach so weg. Das ist jetzt 3 Tage her. Mich zermürben immer wieder die gleichen Dinge, wieso hat denn keiner was gemacht, ich hab doch tausend Mal gesagt, er wirkt nicht einfach nur müde, hätten die nicht erkennen müssen, dass er noch ein zusätzliches Problem hat? Wieso hat er uns weggeschickt, wieso sind wir nicht einfach da geblieben? Wieso bin ich nicht früher gekommen, wieso waren meine letzten Augenblicke mit meinem über alles geliebten Papa nur noch in diesem schrecklichen Zustand? Haben wir ihn vielleicht am Anfang zu sehr aufgeregt, weil wir so beunruhigt waren? Hätte er früher ins Krankenhaus zurück gehen sollen? Könnte er dann noch bei mir sein? Hat er Angst gehabt? Ist er jetzt irgendwo und kann noch irgendwie an unserem Leben teilhaben, egal in welcher Form oder ist das alles Schwachsinn? Das alles macht mich wahnsinnig. Ich habe den ganzen Tag seine Stimme im Kopf, das ganze Haus meiner Eltern ist voll von ihm, überall sind seine Sachen, ich höre ihn die Treppe hoch poltern, ich sehe ihn im Sessel sitzen, ich rieche an seinem T-Shirt, aber er selbst ist einfach nicht mehr hier. Er wird nie mehr die Tür zur Küche aufmachen und sagen "Na meine Kleine, was machste?" Ich werd nie wieder mit ihm telefonieren und er wird nie wieder "Tschüßikowski, hab dich lieb" am Ende sagen. Ich habe jetzt keinen Papa mehr, wenn ich selbst alt werden sollte, dann muss ich noch um die 50 Jahre leben ohne meinen Papa, ich weiß nicht, wie das gehen soll. Und am allerschlimmsten ist der Gedanke, dass meine kleine Tochter, die in 2 Wochen erst 5 Jahre alt wird, sich wahrscheinlich nicht mehr aktiv an ihn erinnern können wird, wenn sie erwachsen ist, natürlich von Fotos und Videos, aber behält sie ihre große Liebe, die sie immer für ihren Lieblings Opi hatte auch noch im Herzen, erinnert sie sich wirklich mit 30 noch an die vielen Stunden, die er unermüdlich mit ihr gespielt und gelacht hat? Und wieso habe ich nicht jede Sekunde gefilmt, die die beiden zusammen verbracht haben, ich habe viel zu wenige Videos. Ich weiß nicht, ob hier jemand die Muse hat, sich diesen ewig langen Beitrag durchzulesen, aber ich glaube es war zumindest für mich gut, dass alles einmal niederzuschreiben...

  • Das habe dann mal getan - deinen Beitrag bis zum Ende zu lesen und es hat dir auch bestimmt etwas geholfen das alles hier oind er Form erst einmal aus dir in Worte zu fassen.

    Ein liebes Willkommen hier bei uns liebe Michele - was wäre wenn, diese Fragen die sich so ziemlich alle fragen so wie ich auch.


    Ich denke auf jeden Fall dass du seine Wünsche erfüllt hast, du bist ihn nicht übergangen und hast einfach anders entschieden.

    Wie ich denke ist es wohl möglich das dein Vater gespürt hat das es auf das Ende zu geht und er dich deswegen nach Hause geschickt hat.

    So habe ich es vielfach gelesen und auch selbst schon erlebt - das ein Sterbender leichter gehen kann wenn die Liebsten nicht am Bett stehen - dass sie regelrecht auf einem Moment warten an dem keiner da ist.


    Und ja es gibt auch den anderen Fall, gerade erst aktuell bei meiner Freundin wo der Vater schon länger liegt und einfach nicht gehen kann und wir denken zu wissen das er auf einen Besuch von seinem Sohn wartet mit dem er sich zerstritten hat.

    Der Sohn wird nicht hinfahren soweit ich ihn einschätze und so liegt der Vater da kann nichts mehr ausser immer schwächer zu werden.


    Man kann niemanden zu etwas zwingen aber ich denke schon das der Schmerz über den Streit nicht so tief sein kann um sich so zu verweigern.


    Ob deine Tochter sich noch erinnern wird weiß ich nicht zu sagen aber du wirst es ihr immer wieder erzählen können und Fotos ansehen.

    Ich wünsche dir erst einmal alles was es gerade für dich und deine lIeben jetzt braucht - so frisch noch alles braucht man sich gegenseitig oder jemanden der einfach da ist.


    Mit einer lieben Umärmelung,

    Funny.

  • Danke Funny,

    ich hardere mittlerweile weniger damit, dass wir zum Zeitpunkt seines Todes nicht bei ihm waren, denn wie du sagst, war es sein Wunsch. Ich kann aber nicht anders als diesen Tag und das Erlebte immer wieder durchzugehen und mich quälen die vielen Fragen, ob man etwas anders hätte machen sollen und er dann noch hier sein könnte. Mein Mann fängt mich gut auf und versucht mir diese zermürbenden Zweifel zu nehmen. Und ich weiß, dass dieses Klammern am „Was wäre wenn“ ihn mir auch nicht zurück bringen wird und es einfach nichts bringt. Trotzdem kann man seinem Gehirn das ja nicht einfach sagen, dass es das lassen soll.

    Und er fehlt eben einfach so sehr, seine liebevoll Art, seine Wärme, seine Intelligenz und Besonnenheit. Er war meine Sonne, mein Ruhepol, Stabilität und Positivität in meinem Leben. Es gibt in meinem Leben keine andere Person, die mir das so geben kann wie er.

  • Ja liebe Michele man kann seine Gedanken nicht immer so steuern wie wir es vielleicht möchten.

    Manchmal weiß man was richtig ist und doch fühlt es sich nicht richtig an.

    Dann rattert es hinten da irgendwo in uns und können das nicht abstellen, nicht steuern - da bleibt dann erst mal abwarten und versuchen sich nicht zu sehr hineinzusteigern.


    Wir sind nun mal Menschen und das alles muss erst mal wirklich in uns ankommen, verstehen was nicht zu verstehen ist.

    Da fehlt der Mensch der uns in genau solchen Momenten auffangen würde, die Hand halten und man darauf vertraut das alles wieder gut würde.

    Ob alles wieder gut würde muss ich für mich da auch verneinen - wirklich gut kann es nicht mehr werden, es verändert sich alles, der Alltag die Traditionen - da ist immer dieser eine Stuhl der dann leer ist wo sonst der Mittelpunkt seinen Platz hatte.


    Es wird anders gut, wir werden uns einrichten in dem was sich seit dem Tod des lieben Menschen verändert.

    INichts aber wird sein wie es war wenn auch die Wunden heilen so werden Narben bleiben die alles nur überdecken und das alles braucht seine Zeit - deine Zeit.

    In deinem Können und den leiben Menschen die dich dabei unsterstützen und helfen - deine Hand halten.


    Nun bist du der Mensch der anwenden muss was dich dein Vater gelehrt hat, denn es wird sein größer Wunsch im Leben gewesen sein das du glücklich bist und bleibst auch wenn er einmal einen anderen Weg gehen muss.

    Das alles braucht einfach auch mehr Kraft als man hat und die wünsche ich dir.


    Mit einer lieben Umärmelung,

    Funny

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