Liebe Nina,
erst einmal mein herzliches Beileid zum Tod Deiner Mutter! Ich habe das schon erlebt und mein liebster Trauerspruch war: "Die Mutter war's. Was braucht's der Worte mehr?"
Ich habe meine Eltern 6 Jahre lang in meinem Elternhaus gepflegt. Meine Mutter ist vor 7 Jahren nach 2 Jahren Pflegegrad 4, später 5 verstorben. Mein Vater und ich haben Trost darin gefunden, daß sie von ihrem Leiden erlöst wurde. Dann wurde mein Vater nach 4 Schlaganfällen selbst pflegebedürftig und ich konnte ihn noch 4 Jahre lang begleiten, bevor er dann auch verstorben ist. Einige Wochen vor seinem Tod habe ich ihn auf einen schwarzen Flecken auf seinem Arm hingewiesen, daß das eine Blutvergiftung sein könnte und daß das untersucht werden müßte. Er war aber schon 88 und wollte keine ärztliche Hilfe mehr. Einige Wochen später hatte er einen Notfall, es ging ihm plötzlich sehr schlecht und ich konnte ihm nicht mehr helfen. Ich habe es nicht einmal mehr geschafft, ihn ins Bett zu bringen, weil das im Obergeschoss war. Mir blieb nichts anderes mehr übrig, als den Rettungswagen zu rufen, obwohl er das ausdrücklich nicht wollte. Ich habe mich in der Situation über seinen Willen hinweggesetzt, weil ich noch eine Perspektive sah, daß man ihm helfen könnte. Im Krankenhaus wollte man ihn operieren, das hat er abgelehnt. Ich habe dann mit einem Mediziner in unserer Familie telefoniert und wir sind übereingekommen, daß wir seinen Wunsch zu respektieren haben. Ich hatte eine Vollmacht meines Vaters, um über diesen Eingriff zu entscheiden, aber ich habe es abgelehnt, die Zustimmung zu erteilen. Wenige Tage später ist mein Vater verstorben. Der zuständige Chirurg wollte mir dann noch einreden, ich sei schuld am Tod meines Vaters. Chirurgen wollen operieren, das ist ihr berufliches Interesse. Das Interesse meines Vaters war aber ein anderes.
Und damit komme ich zu deiner Frage: Hättet ihr Deine Mutter zwingen sollen, zum Arzt zu gehen? Aus meiner Erfahrung eindeutig: Nein. Deine Mutter war ein erwachsener Mensch, ich nehme an voll entscheidungsfähig, für sich selbst verantwortlich und ihr Wille ist grundsätzlich zu respektieren. Und wenn sie es in Kauf nimmt, evtl. zu sterben so wie mein Vater das getan hat, dann ist das ihr gutes Recht. Das haben wir zu akzeptieren. Niemand anderes als der Sterbende selbst kann es besser beurteilen, ob es richtig oder falsch ist, daß er diesen Weg geht.
Wie wir mit so einem Erlebnis emotional umgehen, ist ein ganz anderes Thema. Aber wenn das in dieser Form abgelaufen ist, ist es unsere Aufgabe, das zu respektieren. Ich werde mich vermutlich bis zu meinem Lebensende immer wieder fragen, ob ich es in der Situation richtig gemacht habe, aber solange ich keinen Hinweis darauf habe, was ich konkret falsch gemacht haben könnte, gehe ich davon aus, daß es richtig war. Manchmal sind die Entscheidungen, die wir im Leben treffen müssen, brutal schwer. Aber wir müssen sie treffen und wir müssen damit auch irgendwann unseren Frieden finden und als Mensch an den Erfahrungen wachsen. Weder Deine Mutter noch mein Vater hätte es gewollt, daß wir daran emotional zerbrechen. Das sollten wir als Aufgabe verstehen, die uns die/der Verstorbene hinterlassen hat.
Ich wünsche Dir und deinen Angehörigen für die schwere Zeit viel Kraft!
Liebe Gruße
Ralf